Mein Arbeitsprozess oder Bildentstehung Schritt für Schritt

riesige Eisberge in der Antarktis, finsteres Meer, zwei kleine Pinguine auf der Eisscholle im Vordergrund

Ein Video zum Thema findet Ihr am Ende des Beitrags!

Ein wichtiger Anteil an der Entstehung meiner Bilder ist in den allermeisten Fällen der Arbeitsprozess, der nach spontanen Einfällen, bei Aufträgen oder anderen geplanten Arbeiten meistens ähnlich abläuft.

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Daumennagelskizzen und Tonwerte am Anfang, um festzulegen, was wichtig ist

Beginn ist immer eine Vorstellung in meinem Kopf, danach folgen kleine, ungefähr briefmarkengroße Skizzen mit Bleistift (sogenannte Thumbnails). Nachdem die erste Idee zumeist nicht die Beste ist, folgt normalerweise eine ganze Serie von verschiedenen Skizzen, in denen ich Bildinhalt, Bildaufteilung und alles was mir inhaltlich sonst noch wichtig ist, kläre und festlege.

Als nächsten Schritt werden die Tonwerte, also die unterschiedlichen Helligkeiten und Dunkelheiten in einer gleich großen Thumbnail-Skizze ausprobiert, meistens auch hier verschiedene Möglichkeiten in möglichst wenig Abstufungen damit es einfach bleibt. Oft macht es einen wesentlichen Unterschied, an welchen Punkt des Bildes man zuerst schaut und wohin der Blick wandert, wenn der Bildgegenstand hell vor dunkel ist oder dunkel vor hell.

Zur Veranschaulichung zwei Varianten aus meinem Inktober-Projekt 2020:
Inktober 2020 zwei Varianten Enwrürfe
Fineliner auf Papier, 15x20cm (2020)

links dunkel vor hell, rechts hell vor dunkel – der Unterschied in der Wirkung ist groß

Farbskizzen machen und Bildgröße festlegen

Als nächster Schritt folgen normalerweise Farbskizzen im selben Format, um die anhand der Tonwertskizze entschiedenen Helligkeiten mit Farbtönen zu unterlegen – weil es auch oft täuscht wie dunkel ein rotton tatsächlich wirkt im Gegensatz zur gedanklichen Vorstellung, die man davon hat. Zumindest mir geht es öfter so, daß ich an dieser Stelle mein Farbkonzept, das ich im Kopf hatte, nochmal adaptieren muß.

Referenzfotos suchen Bildgrund präparieren

Im Anschluss überlege ich mir das genaue Bildformat, also z. B. 20×30 oder doch 30×40 oder 40×60; das Seitenverhältnis, also din-Format, quadratisch, 16:9 und auch ob hoch- oder querformat, habe ich ja in den Daumennagelskizzen bereits geklärt.

Sollte der Malgrund noch in irgendeiner Art und Weise präpariert werden , ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür: Grundierungsschicht in neutralem grau, in warmem oder kühlem Farbton oder ganz weiß? Verschiedene Untergrundfarben machen unterschiedliche Bildwirkungen im Zusammenspiel mit den ausgewählten Farbtönen, auch bei deckenden Farbtönen, verstärkt natürlich bei halbtransparenten oder transparenten Farben.

Wenn das soweit klar ist, suche ich mir mehrere passende Referenzfotos für den Malprozess zusammen; meistens Zeitschriftenbilder aus meiner Vorlagenschublade (gefährliche Schublade, geht meistens über und ich finde nix mehr) und im Netz gefundenen Fotos – wobei es hier ganz wichtig ist, keine Urheberrechte zu verletzen, sprich immer nur Teile, Ausschnitte, Strukturen, Farbschemata etc. aus den einzelnen Fotos abzuleiten und diese nicht 1:1 herzunehmen. Copyright ist für uns Urheber sehr wichtig, daher unbedingt aufpassen!

Vorlagen immer variieren, nie nachmalen. Reines kopieren ist nur zu Lernzwecken sinnvoll

Aus dem Grund stelle ich mir meistens 4 bis 10 Fotos zusammen und baue mir aus meinen Skizzen und diesen Fotos mein Bild – das wird dann nie heikel mit den Rechten der anderen, und außerdem macht es mir unheimlichen Spaß, mich nie an „eine“ Vorlage halten zu sollen.

Das habe ich in zweien meiner Maltechnikkurse, als es darum ging, die Bilder alter Meister wie Rubens, Dürer, Tizian oder Botticelli nachzumalen, manchmal vermisst – denn ich hätte bei diesen Bildern manchmal andere Entscheidungen getroffen, wenn man aber Kopien macht, macht man Kopien – und hat keine Freiheiten in der Gestaltung. Das ist super um zu lernen, macht mir auf Dauer aber keine rechte Freude.

Dann richte ich mir meine Referenzfotos und Skizzen her, übertrage meine eigene Vorzeichnung oder zeichne gleich am Malgrund mit Kohle, Kreide oder Ölfarbe; das kommt völlig darauf an, was für eine Art Bild entstehen soll und wie exakt eine eventuell vorbereitete Zeichnung später wiedergegeben werden soll. Meistens zeichne ich in der Zwischenzeit mit einem nicht zu kräftigen Farbton gleich mit dem Pinsel.

Malen über Farbflächen oder von hinten nach vorne?

Eine bewährte Vorgehensweise ist, mit der hellsten oder der dunkelsten Farbe zu beginnen und grob die entsprechenden Flächen anzulegen, danach mit der entsprechend anderen weiter, dann nach und nach die Mitteltöne bis man die Flächen komplett gefüllt hat. Danach wieder und wieder mit neu angemischten Farbtönen über das ganze Bild gehen um Strukturen, Lichteffekte, Räumlichkeit herauszuarbeiten.

Das kann in einer oder mehreren Sitzungen stattfinden, je nachdem wie gut man vorankommt und wie groß auch das entsprechende Bild ist. Meistens brauche ich zwei bis vier Schichten, ganz selten wesentlich mehr.

Eine andere Methode ist, von hinten nach vorne zu malen – ein wenig wie Bob Ross, der ja auch immer mit dem Himmel begonnen und mit den Grashalmen im Vordergrund geendet hat. Und ja, ich finde man kann unheimlich viel von ihm lernen und nein, es ist mir egal daß viele Maler sich über ihn und seine super liebe Art und Weise, seine Bilder zu kommentieren, lustig machen. Happy little UFOs, jawoll!

Auch die vom Hintergrund zum Vordergrund-arbeiten-Methode kann man in mehreren Schichten anwenden, ich selbst gehe meistens bei kleineren Arbeiten oder bei meinen Gouache-Ansichten im Skizzenbuch so vor – am Ende ist es aber Tagesverfassung oder vom Motiv abhängig, wie ich beginne. Mittendrin die Methode zu ändern geht natürlich auch, ist aber nicht besonders effizient.

Wenn man mehrere Schichten an Ölfarbe übereinander malt, ist es anzuraten, die getrocknete Schicht der letzten Sitzung sehr dünn mit Malmittel zu versehen; das stellt die durch das Trocknen teilweise verloren gegangenen Kontraste wieder her (aus mir unbekannten Gründen trocknet dunkle Ölfarbe heller auf im Verhältnis zu heller Ölfarbe) was es einem ermöglicht, gut weiterzukommen, außerdem haftet die nächste Schicht besser.

Ohne diese Schicht wirkt z. B. Vandyckbraun getrocknet viel heller als derselbe, frisch aufgetragene Farbton. Das ist verwirrend und man neigt dazu, in der zweiten Schicht zu hell weiterzumalen. Am Ende kann es dann passieren, das das Bild fleckig wirkt weil es extrem schwierig bis unmöglich ist, den richtigen Farbton zu erwischen. Mit der besagten Malmittelschicht kann man sich das Leben deutlich vereinfachen.

großer Aufwand oder doch Zeitersparnis durch strukturierte Vorgehensweise?

Manche werden jetzt einwenden, daß so eine Vorgehensweise viel Aufwand ist bzw. viel Zeit benötigt und man ja alle diese erwähnten Entscheidungen über Tonwerte, Farben und auch Bildausschnitt auch während des Malens treffen könnte. Das mag schon sein, finde ich persönlich aber deutlich schwieriger und am Ende auch viel zeitaufwendiger. Auch halte ich es für nervenschonender, die Entscheidungen in einer für mich sinnvollen Reihenfolge zu treffen – weil wenn ich mittendrin draufkomme, daß quadratisch statt 16:9 doch besser wirken würde, kann ich von vorne anfangen 🙂

Mit meinem Arbeitsvorgang kann so etwas natürlich auch vorkommen, ist aber deutlich seltener! Diese Arbeitsweise kommt auch meinem Verständnis von Logik und Denkprozess nahe, da ich bei allen Tätigkeiten versuche, möglichst eins nach dem anderen zu tun und nicht fünf Sachen gleichzeitig, weil das mit dem Multitasking erfahrungsgemäß nicht besonders gut funktioniert.

Es hängt aber stark von der eigenen Persönlichkeit ab, vom eigenen Stil oder auch von Gewohnheiten, nicht alles funktioniert für jeden gleich gut oder für jeden Zweck. Auch für mich macht es einen Unterschied, ob ich ein spezielles Ergebnis haben will wie zum Beispiel den Turmbau im Sturm oder ob ich einfach drauflosmale weil ich grade eine Menge an Gebirgsfotos auf Pinterest gesehen habe (Skizzenbuchberge), die Vorgehensweise und das Ergebnis ist jeweils völlig unterschiedlich.

Mein heute beschriebener Arbeitsprozess ist effizient und zielsicher für alle die Gelegenheiten, bei denen ich ein bestimmtes Endergebnis entweder haben will oder brauche.

Eine Ausnahme vom beschriebenen Prozess ist – abgesehen von Spontaneitäten wie den oben verlinkten Skizzenbuchbergen – meistens dann gegeben, wenn ich ein selbst aufgenommenes Foto als Vorlage nehme, weil da die wesentlichsten Entscheidungen meistens bereits getroffen sind: Allenfalls Bildausschnitt und Farbtöne werden noch ein bißchen adaptiert, bevor es losgeht.

Und hier das am Anfang des Artikels erwähnte Video:

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Veröffentlicht von karinabunt

in Wien lebende Malerin, Zeichnerin, Illustratorin - mein Lieblingsthema sind Lebensräume, Utopien und in Landschaften ausgedrückte Stimmungen

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