Maltechnikbücher-Vergleich: Max Doerner 1985 vs. 2011

stürmisches Meer mit Segelboot am Horizont

Warnhinweis: Achtung, eeecht viel Text 🙂 Alle Links dazu findet Ihr am Ende des Beitrages.

Ein befreundeter Maler hat in einem seiner Videos über die Maltechnikbücher von Max Doerner und Kurt Wehlte gesprochen – seiner Anregung folgend, daß nur die älteren Ausgaben bis zur 17. brauchbar wären, habe ich meine (24. Auflage von 2011) mit der 16. Auflage von 1985 (kürzlich ausgeborgt von einem Kollegen) systematisch verglichen. Ich wollte es ganz genau wissen (wie sonst auch immer als Profi-Erbsenzählerin) und habe mir beide Bücher nebeneinander Seite für Seite durchgeschaut bzw. reingelesen und verglichen. Nein, nicht vollkommen irre und wahnsinnigst gestört, sondern schlicht und ergreifend grundlegend wissbegierig 🙂

Die neue Ausgabe beinhaltet mehr Inhalt in zusätzlichen Kapiteln über z. B. Hinterglasmalerei und Tuschmalerei und auch wesentlich mehr (Farb-)Fotos – klar, Farbfotos waren in der Reproduktion 1985 noch viel teurer u. aufwendiger als heute. Ansonten ist der Text teilweise umgestellt und an ganz wenigen Stellen gekürzt, ansonsten aber im Prinzip inhaltlich unverändert. Vor allem der Abschnitt über Pigmente und Materialien bzw. Rezepte ist vollständig vorhanden, und darum geht es den technisch interessierten MalerInnen ja zumeist.

Der Abschnitt mit den Grundierungen ist erweitert, allerdings neu aufgebaut in den Reihenfolgen, so daß ich zuerst befürchtet habe daß etwas fehlt – tut es aber zum Glück nicht, weil dieser Teil für mich persönlich einer der wichtigsten ist.

Wohltuend überarbeitet wurde jedenfalls der Abschnitt mit den historischen Maltechniken mit der neuen Kapitelbenennung: „Maltechnisch-historische Beiträge“: Erstens mehr Künstler (einzelne leider weniger), außerdem viiiel weniger Spekulation.

Ich befinde ich mich also in Widerspruch zum angesprochenen Video, das die alte Ausgabe als viel wertvoller beschreibt und sagt, daß Thomas Hoppe das ganze Kapitel über mögliche Techniken alter Meister „rausgeschmissen“ hätte 🙂

Besagten Malerkollegen schätze ich als technisch sehr versiert und kompetent, hier widerspreche ich allerdings. Zwar ungern (weil ich von ihm laufend und ordentlich dazulerne) aber an dieser speziellen Stelle unvermeidbar. So wie wir auch über unsere Malgründe unterschiedlicher Meinung sind…

Wobei der Gedanke, daß man durch Doerners Spekulationen auf eigene Ideen und Experimente kommt, wiederum einige Überlegungen und vor allem eigene Versuche wert ist.

Ich finde, daß die alten Beschreibungen schon interessant sind in einer Art „was wäre wenn“ und als Anleitung zum Ausprobieren für eigene Experimente (genau wie ich die von Doerner beschriebene „Mischtechnik“ sehr interessant finde und auch selbst ausprobiert habe) allerdings ist sein Schreibstil und Tonfall ein bißchen mißverständlich, so daß man als unbedarfter Leser den Eindruck gewinnt, daß es ganz sicher nur so und kaum anders gewesen sein könnte. Diese fixe und endgültig scheinende Gewissheit stört mich leider sehr; über eine Bekannte von mir, die Gemälderestauratorin ist, weiß ich auch wie schwierig es ist, über gewisse Dinge wie Bindemittel oder einen exakten Schichtenaufbau Gewißheit zu erlangen. Leider leider, das wär echt spannend zu wissen wie „die Alten Meister“ das tatsächlich so gemalt haben!

Und vor allem ist in der neuen Ausgabe der Abschnitt über Restaurierung fast zur Gänze entfallen – der neue Herausgeber Thomas Hoppe ist ein Restaurator mit aktuellem Wissensstand und damit sind die teilweise trotz fortschrittlicher Gedanken immer noch unsäglichen Methoden Doerners (ich weiß, ich weiß, zeitübliches Technologiewissen), mit deren Schäden heutige RestauratorInnen teilweise zu kämpfen haben, auch verschwunden (Kopaivabalsam zum Regenerieren blinder Firnisse, Kleisterdoublierungen die heute zu schweren Fraßschäden am Original führen weil der stärkehalteige Kleister die hungrigen Tierchen in Scharen anlockt).

Zugutehalten muß man dem alten Doerner auf jeden Fall, daß er ein (relativ) neuer und zumindest anfangs ein recht einsamer Rufer im Konservieren statt Restaurieren und Verfechter von reversiblen Methoden war. Außer das „Pettenkofern“, das war nie reversibel und ist in der Zwischenzeit auch überholt…

Außerdem hat Doerner völlig zurecht darauf verwiesen, daß ein Maler erst dann frei seine Kreativität ausleben kann, wenn er weiß wie mit dem Material umzugehen ist – was wiederum damals wie noch viel mehr heute an vielen Akademien zu kurz kommt. Was ich wiederum von mehreren MalerInnen weiß, die an solchen studiert haben, und was ich sehr schade finde weil es einen um vielleicht interessante neue Ausdrucksmöglichkeiten bringt.

Was mir an der älteren Ausgabe im Vergleich zur neuen sehr positiv aufgefallen ist, daß deutlich mehr Absätze im Text vorhanden sind; das erhöht die Lesbarkeit und die Übersicht wesentlich; auch finde ich das Schriftbild besser lesbar. Schade, hätte der Neuausgabe gut getan.

Lustig an der ganzen Sache ist, daß ich bereits 2017 einen Beitrag darüber geschrieben habe, den ich schon wieder vergessen hatte und bei einer Suchmaschinensuche wiedergefunden habe…

Langer Rede kurzer Sinn: Ich schätze mich wirklich sehr glücklich, von so interessanten Menschen (MalerInnen, RestauratorInnen, Bücher-borgenden Kollegen…) von interessanten Büchern, Videos und Blogartikeln umgeben zu sein – das regt zu eigenen Überlegungen und Versuchen an! Vielleicht mache ich dazu ja auch mal ein paar weitere Materialvideos; das heutige Thema in ganzen Sätzen in ein Video zu bringen wäre ein bißchen viel gewesen.

Auf jeden Fall hat mich dieser Selbstversuch zu einigen ruhigen und konzentrierten Lesestunden gebracht, auf jeden Fall ein Gewinn! 

Hier die versprochenen Links:

Video von Stefan Nützel über Max Doerner und Kurt Wehlte

Thomas Hoppe: Malkunde 

Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei (Vorsicht, die antiquarischen Preise im Internetz sind absolut überhöht – habe daher einen Link der Wiener Stadtbücherei geteilt – gibt es sicher auch in anderen größeren Städten…)

Max Doerner: Malmaterial und seine Verwendung im Bilde (1. Ausgabe 1921, 24. Ausgabe 2011; ich konnte keine aktuelle Auflage finden, alles nur antiquarisch, ab 33 € sehr steil aufwärts, daher auch hier der Büchereilink. Wie ich auch grundsätzlich viele mir empfohlene Bücher wenn möglich erstmal ausleihe und lese bevor ich sie eventuell kaufe – spart viel Geld und Platz!

Noch ein Link zu einem anderen Blog (von Nils Pooker) der ebenfalls Restaurator ist, Doerner sehr kritisch gegenübersteht und über Material-Lehrbücher Empfehlungen ausspricht. Leider keine aktuellen Beiträge mehr (zuletzt 2018) sehr schade.

NB: Das Beitrags-Titelbild ist auch in Doerners „Mischtechnik“ ausgeführt

 

Veröffentlicht von karinabunt

in Wien lebende Malerin, Zeichnerin, Illustratorin - mein Lieblingsthema sind Lebensräume, Utopien und in Landschaften ausgedrückte Stimmungen

Ein Kommentar zu “Maltechnikbücher-Vergleich: Max Doerner 1985 vs. 2011

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